Die meisten Sprachenlernenden erwarten, dass Lesen das Lesen verbessert. Weniger erwarten, dass es das Sprechen verbessert. Aber extensives Lesen in einer Fremdsprache hat konsistente, gut dokumentierte Auswirkungen auf gesprochene Fluency - Auswirkungen, die reine Sprechubungen oft nicht so effizient erzeugen konnen. Hier ist der Grund.
Lesen baut den mentalen Wortschatzspeicher auf, aus dem das Sprechen schopft
Wenn man spricht, erfindet man Sprache nicht von Grund auf. Man schopft aus einem Speicher von Mustern, Phrasen und Strukturen, die durch vorherigen Input angesammelt wurden. Je grosser und reicher dieser Speicher ist, desto flussiger wird das Sprechen.
Lesen ist die effizienteste Methode, diesen Speicher aufzubauen. Ein Leser von 20 Seiten pro Tag begegnet Tausenden von Vokabel-Instanzen, Satzmustern, Kollokationen und grammatischen Konstruktionen. Diese sammeln sich im Langzeitgedachtnis als Reservoir an, aus dem das Sprechen automatisch schopft.
Lernende, die extensiv lesen, berichten oft, dass ihr Sprechen nach einer Periode intensiven Lesens plotzlich einfacher wird - nicht weil sie Sprechen gebt haben, sondern weil ihr mentaler Wortschatzspeicher genug gewachsen ist, um Sprache freier zu produzieren.
Grammatik durch Lesen ist dauerhafter als Grammatik durch Unterricht
Expliziter Grammatikunterricht sagt einem die Regeln. Lesen installiert die Regeln. Das ist ein bedeutsamer Unterschied.
Wenn man einem Grammatikmuster Dutzende von Malen in authentischem Text begegnet, beginnt das Gehirn, es als Muster zu internalisieren - nicht als Regel, die man bewusst anwenden muss, sondern als die Art, wie Satze sich anfuhlen. Diese intuitive Grammatik ist das, was flussige Sprecher verwenden. Sie denken nicht uber Regeln nach, wenn sie sprechen. Sie erkennen, wenn etwas richtig klingt.
Forschungen zum Zweitspracherwerb, insbesondere Krashens Monitor-Hypothese, legen nahe, dass explizit gelernte Regeln im echten Sprechen unzuverlassig sind, weil das Sprechen keine Zeit fur die Regelanwendung lasst. Erworbene Grammatik - durch Input absorbiert - operiert automatisch. Lesen ist die primare Quelle dieser erworbenen Grammatik.
Lesen baut Kollokationen auf, die Sprache naturlich klingen lassen
Eines der zuverlassigsten Zeichen von Nicht-Muttersprachersprache sind Kollokationsfehler - Wortkombinationen, die grammatikalisch korrekt sind, die Muttersprachler aber nicht verwenden wurden. "Hausaufgaben machen" statt "Hausaufgaben tun" (auf Englisch: "make homework" statt "do homework"). Diese Fehler entstehen durch Ubersetzung aus der Muttersprache und durch unzureichende Exposition gegenuber der naturlichen Wortkombination von Muttersprachlern.
Extensives Lesen setzt einem Tausenden von Kollokationen im Kontext aus. Mit der Zeit beginnen bestimmte Wortkombinationen automatisch zu werden - man greift nach dem richtigen Ausdruck, ohne zu wissen, warum er richtig ist. Diese Intuition wird durch Input aufgebaut, nicht durch Grammatikstudium.
Wie man Lesen fur das Sprechen wirksam macht
Lesen erzeugt Sprechvorteile, aber der Transfer ist nicht sofort. So beschleunigt man ihn:
- Material lesen, das Dialoge enthalt. Romane, Dreh- und Drehbucher und konversationeller Journalismus setzen einem das Register der gesprochenen Sprache aus, das sich von formaler Schriftsprache unterscheidet.
- Gelegentlich laut lesen. Der motorische Akt des Produzierens der Laute neben dem Lesen verstarkt Aussprache und Fluency.
- Nach dem Lesen eines Abschnitts versuchen, ihn in der Fremdsprache mundlich zusammenzufassen. Das verbindet Input und Output.
- Phrasen und Ausdrucke notieren, die man in der Sprache verwenden mochte. In einer Vokabular-App oder einer separaten Liste fur aktive Ubung speichern.
Das lange Spiel
Der Transfer vom Lesen zum Sprechen ist nicht sofort. Er geschieht uber Monate regularen Lesens. Lernende, die fruhhzeitig in ihrer Sprachlernerreise mit extensivem Lesen beginnen und es konsequent beibehalten, zeigen auf mittlerer und fortgeschrittener Stufe hohere Sprechfluency als Lernende, die sich vor allem auf Sprechubungen verlassen haben.
Das ist kontraintuitiv, aber gut belegt. Die gesprochene Sprache schopft aus demselben mentalen Speicher wie die geschriebene Sprache. Diesen Speicher durch Lesen fullen, und das Sprechen profitiert automatisch.